Das Paradox unserer Zeit
Wir leben in der vielleicht widersprüchlichsten Epoche der Menschheitsgeschichte – zumindest aber in einer für meine Generation sehr verwirrenden:
Wir haben große Häuser – aber oft leere Zimmer.
Wir haben mehr Wissen – aber weniger gesunden Menschenverstand.
Wir haben die fortschrittlichste Medizin – aber immer mehr Menschen, die innerlich krank sind.
Wir waren überall auf der Welt – und kennen oft nicht den Namen unseres Nachbarn.
Wir haben KI, die Bücher in Sekunden schreibt – und gleichzeitig verlernen wir, uns und anderen wirklich zuzuhören.
Wir verdienen mehr, aber sind innerlich ärmer.
Wir sind überinformiert – und unterverbunden.
Wir haben zig tausende Follower – aber kaum Menschen, die uns halten, wenn es still wird.
Und dennoch:
Noch nie gab es – dank Social Media – für jeden einzelnen von uns so viele Chancen, das alles zu verändern, die Stimme zu erheben und zu sprechen – und auch Gehör zu finden - anstatt ungehört und wirkungslos in der Masse unterzugehen.
Noch nie konnten wir global so schnell zusammenarbeiten, lernen, Neues erschaffen.
Noch nie war Menschlichkeit so gefragt – und so selten, obwohl möglich.
Das Paradox unserer Zeit ist - zumindest für mich – manchmal schwer zu verstehen und noch schwerer zu ertragen:
Wir sehen Kriege live auf unseren Smartphones – und scrollen weiter.
Wir glauben an eine Klimakrise – und buchen Flüge in den Süden.
Wir reden über Diversität – und bauen Mauern.
Wir glauben den Versprechen der von uns gewählten Politiker - und akzeptieren schulterzuckend und resigniert jeglichen noch so elementaren und wahlbegründenden Wortbruch. Und die immer weniger werdenden Anständigen lernen daraus, dass dieses Vorgehen anscheinend rational und zielführend ist. Und tun es den Wortbrüchigen bei der nächsten Wahl gleich.
Aber das Paradox ist auch eine Einladung:
Nicht länger Opfer dieser Widersprüche zu bleiben, sondern Gestalter zu werden.
Mehr Nähe zu wagen, wo Distanz bequem wäre.
Mehr Empathie zu zeigen, wo Kälte einfacher wäre.
Mehr Mensch zu sein, wo Maschinen uns zu überholen scheinen.
Und vor allem Widerspruch einzulegen anstatt still, mutlos und resigniert zu schweigen.
Gerade letzteres war nie nötiger - und einfacher möglich - als heute!
Das einzige, was nötig ist, ist ein klein wenig Rückgrat – und es zu TUN!
Die größte Revolution unserer Zeit ist keine technologische, sondern eine menschliche:
Die Entscheidung, nicht klüger, schneller, effizienter – sondern wärmer, weiser, menschlicher zu werden.
Ich war, bin und bleibe ein realistischer aber dennoch optimistischer Mensch.
Und genau deshalb bin fest davon überzeugt, dass der Anteil derjenigen, die bereit sind, diese Einladung anzunehmen, kontinuierlich wächst. Und irgendwann die schweigende Mehrheit eine sprechende bildet.
"Am Ende ist alles gut. Ist es nicht gut, ist es nicht das Ende", so Oscar Wilde.
Haben Oscar und ich recht - oder sind wir naive Spinner?