Die zweite Chance läuft bereits
Eines wollte ich noch sagen:
Lieber Friedrich Merz,
als Sie im Mai 2025 ins Kanzleramt einzogen, glaubte eine Mehrheit dieses Landes wieder daran, dass Politik liefern kann. Heute, ein Jahr später, glauben es 82 Prozent nicht mehr, sind unzufrieden mit Ihrer Arbeit. Das ist Ihr größtes Problem – größer als jede einzelne Reform, die nicht gelungen ist.
Damit niemand auf die Idee kommt, das hier sei eine Parteinahme: Ich schreibe weder von rechts noch von links. Ich schreibe als Bürger, der Vernunft, Verantwortung und Handwerk in der Politik schätzt – und der das alles in dieser Regierung schmerzlich vermisst.
Sie haben selbst gesagt, die letzten zehn Jahre seien „verlorene Jahre" gewesen. Ein bemerkenswertes Eingeständnis. Nur: Das Jahr, das jetzt hinter uns liegt, ist Ihres. Seit sechs Jahren faktisch kein Wachstum. Über 120.000 verlorene Industriearbeitsplätze alleine im letzten Jahr. 68 Prozent der Unternehmen denken laut BDI über Verlagerung nach. Das ist keine Stimmung. Das ist Deindustrialisierung.
Sie sagen, Sie seien „kein Schnellboot". Das Land ist gerade dabei zu sinken. Da ist Ruderschlag wichtiger als Metaphorik oder Rhetorik.
Die schlechte und zugleich gute Nachricht: Die Probleme sind hausgemacht!
Heißt: politisch lösbar. Energiepreise sind eine politische Entscheidung, ebenso wie Bürokratie oder Steuer- und Abgabenlast.
Das Sondervermögen war Ihr Wortbruch und Ihre Chance zugleich. „Keine neuen Schulden" wurde zu 500 Milliarden. Das wäre verzeihlich, wenn das Geld in Zukunft fließen würde. Doch es fließt in Mütterrente statt Brücken, Wahlgeschenke statt Wettbewerbsfähigkeit oder Infrastruktur. Ifo sagt: 95 Prozent dieser Neuverschuldung versickern absprachewidrig im Konsum. Das ist nicht nur politisch fatal – das ist generationenpolitisch unverantwortlich.
Zur Migration sagten Sie, „große Teile des Problems" seien gelöst. Die Polizeigewerkschaften widersprachen Ihnen öffentlich. 232.000 Ausreisepflichtige. Vier vollzogene Rückführungen nach Syrien. Im ersten Quartal 2026 sanken die Abschiebezahlen – sie sanken. Wer das ein gelöstes Problem nennt, verliert die Mitte, die ihn gewählt hat.
Beim Sozialstaat: aus der versprochenen Milliarden-Reform wurden 100 Millionen. Rente, Pflege, Gesundheit – alles vertagt. Sie selbst räumen ein: „Wir bleiben hinter dem Anspruch zurück."
Lieber Friedrich Merz, niemand verlangt von Ihnen Wunder. Wir verlangen, dass Sie tun, wofür Sie angetreten sind. Hören Sie auf, sich an der A*D abzuarbeiten. Hören Sie auf, mit der SPD in Geiselhaft zu regieren. Hören Sie auf, Probleme für gelöst zu erklären, die jeder im Land täglich erlebt. Die Mehrheit will keine Brandmauer-Debatte. Sie will eine Regierung, die regiert und vernünftige Entscheidungen trifft.
A propos: Vernünftige Entscheidungen werden nicht dadurch unvernünftig, dass die Falschen ihnen zustimmen.
Ihre Zeit der zweiten Chancen wird kurz. Nutzen Sie sie.
Herzliche Grüße,
Markus Milz
P.S.: Kommentare ausdrücklich erwünscht!