Expertise oder Haltung - was bleibt hängen?

Gastauthor

von Markus Milz

5.08.2026

1786130512673

Zwei Dinge habe ich nach 1.216 LinkedIn-Beiträgen gelernt:




Wer Meinung äußert, riskiert Aufträge.

Wer die Klappe hält, riskiert Bedeutung.


Ich habe meine LinkedIn-Beiträge aus den Jahren 2020 bis 2026 analysieren lassen.


Das Ergebnis ist bemerkenswert:


Wochentags schreibe ich über "meine" Fachthemen Strategie, Führung, Vertrieb und KI, am Wochenende über das, was mich wütend macht oder erstaunt. Durchschnittlich erreiche ich pro Jahr damit zwischen 4 und 7 Mio. Menschen.


Ergebnis:


👉 Beiträge zu Politik & Gesellschaft erreichen bei mir im Median 6.103 Impressionen.

👉 Vertrieb & Sales: 2.798.


Bei den Reaktionen dasselbe Bild: 82 zu 43.


Gesellschaftliche Themen erzielen mehr als die doppelte Reichweite meiner klassischen Fachthemen.


Nun wäre die Empfehlung "Mehr Politik. Weniger Vertrieb." natürlich Blödsinn - schließlich verkaufe ich keine Politikberatung.


Meine Kunden buchen mich nicht wegen politischer Kommentare. Im Gegenteil - im Zweifel buchen sie mich gerade deswegen NICHT.


Nein, sie buchen mich für Strategie, Vertrieb, Führung und inzwischen zunehmend KI.


Trotzdem glaube ich, dass diese Zahlen etwas interessantes über Business erzählen:


Menschen interessieren sich für Kompetenz.

Sie erinnern sich an Haltung. Positiv wie negativ.



Dieter Bohlen findet man gut oder nicht.

Aber jeder kennt Dieter Bohlen.


Wir haben uns im Geschäftsleben angewöhnt, beides künstlich voneinander zu trennen:


👉 Hier die Expertise, dort die Persönlichkeit.

👉 Hier Business, dort Politik.

👉 Hier die wohltemperierte LinkedIn-Kommunikation, die garantiert niemanden stört oder wehtut.


Ich halte das für eine Illusion:


Wer über Führung spricht, spricht über Menschenbilder.

Wer über Strategie spricht, spricht über Prioritäten.

Wer über Unternehmertum spricht, spricht über Verantwortung, Freiheit und Risiko.


Das sind Wertfragen.


Und damit wird es zwangsläufig politisch.


Ich höre sehr häufig von Unternehmern, Coaches, Beratern, dass Projekte wegen öffentlich geäußerter Positionen infrage gestellt oder abgesagt werden. Kenne ich selbst.


Man nennt es „Cancel Culture“, ein Begriff, der inzwischen selbst politisch ist.


Wollen wir wirklich eine (Geschäfts-)Welt, in der Meinungsfreiheit theoretisch hochgehalten wird, eine abweichende Meinung wirtschaftlich aber möglichst folgenlos verschwinden soll?


Natürlich darf ein Kunde entscheiden, mit wem er arbeitet.


Natürlich hat jede öffentliche Äußerung Konsequenzen.


Aber wenn wirtschaftliche Opportunität zum Maßstab dafür wird, welche Überzeugungen wir noch aussprechen, bekommen wir irgendwann sehr viele persönliche Marken - und erstaunlich wenige Persönlichkeiten. Und schon mal gar nicht die vielbeschworene "Vielfalt".


Meine Zahlen zeigen jedenfalls:


Haltung kostet möglicherweise Geschäft.

Beliebigkeit kostet Aufmerksamkeit.


Und langfristig halte ich Zweiteres für das größere Risiko.


Wie seht ihr das? Darf eine "Meinung" ein Grund sein, jemanden geschäftlich auszusortieren?