Unser Problem? Pervertierter Individualismus.

Gastauthor

von Markus Milz

24.05.2026

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Unser Problem? Pervertierter Individualismus!

Wir streiten.


Über die Frage, ob wir schrumpfen sollen. Die Antwort: Wir schrumpfen längst - und kein Businessplan in diesem Land hat es eingepreist.


Ulrike Herrmann tourt seit Jahren durch Talkshows mit der Botschaft: Wachstum sei das Problem, "grünes Schrumpfen" die Lösung, der Konsum müsse um ein Drittel sinken. Eine These mit moralischem Sendungsbewusstsein - doch an der Wirklichkeit vorbei, weil sie das Schrumpfen als politische Wahl behandelt. Es ist keine Wahl mehr. Es ist eine Tatsache.


Gabor Steingart hat es Freitag ausgesprochen: Zwei Drittel aller Länder weltweit liegen unter der Reproduktionsschwelle. In manchen Ländern ist die häufigste Kinderzahl pro Frau null. Sein Satz sollte in jeder Vorstandsetage hängen: "Viele Firmen folgen einem Expansionsplan, der auf einer globalen Kundschaft basiert, die es so gar nicht geben wird." Beispiel Südkorea: Hier kommen auf 100 Menschen in der übernächsten Generation 16.


Drei Lehrsätze, mit denen wir uns die Kinderlosigkeit jahrzehntelang erklärt haben, sind alle falsch.


1. "Erst reich, dann kinderarm" — falsch: Mexiko, Iran, Brasilien werden alt, bevor sie reich werden.


2. "Karrierefrauen kriegen weniger Kinder" — falsch, die alte Erklärung steht auf dem Kopf: Heute bleibt das Prekariat kinderlos, nicht die Akademikerin.


3. "Mehr Familienpolitik = mehr Kinder" — falsch: Skandinavien hat die Ausgaben verdreifacht und die steilsten Geburteneinbrüche. Wir haben Milliarden gegen ein Problem geworfen, das wir nicht einmal verstanden hatten.


Das Problem ist nicht der fehlende Kinderwunsch. Es sind die fehlenden Paare - es wird sich schneller wieder geschieden, bevor Kinder kommen!


Diana Kinnert nennt die Ursache einen "pervertierten Individualismus", der das Modell Familie zerstört. Digitalisierung, sagt sie, liefere keine sozialen Infrastrukturen, sondern Geschäftsmodelle, die uns trainieren, einander zu misstrauen und am Ende in der eigenen Telegram-Gruppe allein zu sein.


Die Frage, die für Unternehmer nun zählt: Geht Wohlstand auch mit schrumpfender Bevölkerung?


Ja.


Aber nur für die, die aufhören, Wachstum mit "mehr" zu verwechseln — mehr Kunden, mehr Köpfe, mehr Märkte. Wer Wohlstand künftig will, organisiert ihn pro Kopf: über Produktivität, über Automatisierung, über Wertschöpfung statt Menge.


Am Mittwoch habe ich das mit 18 Hidden Champions diskutiert. Die Unternehmen, die dies verstanden haben, kalkulieren längst anders. Die anderen verkaufen Wachstumsmärchen an sich selbst.


Pfingsten erzählt von Menschen, die vereinzelt und sprachlos waren und zu einer Gemeinschaft wurden. Ich finde, das ist eine gute Gegenstrategie zum "pervertierten Individualismus".


Wenn Vereinzelung die Krankheit ist, dann ist Gemeinschaft die Therapie — und die zu stiften, in unseren Unternehmen und um sie herum, ist vielleicht die wichtigste unternehmerische und gesellschaftliche Aufgabe des kommenden Jahrzehnts.


Wie seht ihr es?


Frohe Pfingsten!