Wenn Ideologie teurer wird als Innovation.
Folgender Gedanke kommt mir nach manchen Gesprächen:
"Ich lasse mir doch nicht von der Realität vorschreiben was ich wahrnehme!"
Ich habe großen Respekt vor klugen Menschen. Und ich spreche beruflich mit vielen davon. Strategieberatung ist im Kern verdichtete Realität: Märkte, Wettbewerb, Skalierung, Kapitalflüsse.
Und dann gibt es Momente in Gesprächen, in denen ich mir denke: Spannend – die Evolution macht anscheinend auch mal Pause...
Während wir uns in Europa leidenschaftlich darüber streiten, was wir als nächstes regulieren wollen, zieht anderswo die Zukunft vorbei.
"Nach Analysen des Australian Strategic Policy Institute liegt China in 66 von 74 untersuchten Schlüsseltechnologien vorn – von Kernenergie über synthetische Biologie bis zu Satellitentechnik. Die USA führen nur noch in acht Feldern, darunter Quantencomputing. Anfang der 2000er-Jahre war das Kräfteverhältnis umgekehrt" schreibt Sebastian Matthes vom Handelsblatt
Und wir in Europa? Wir sind Weltklasse in der Disziplin „Bedenken vortragen“. Wir regulieren KI, bevor wir sie in die Breite gebracht haben. Wir definieren Nachhaltigkeitsberichte, bevor wir profitable Wachstumsmodelle skaliert haben. Und wir feiern uns für „strategische Autonomie“, während wir Halbleiter, Batteriezellen und Cloud-Infrastruktur importieren - und über Lieferkettendokumentation, ESG-Taxonomien und Zuständigkeiten zwischen Brüssel und den Mitgliedsstaaten diskutieren. Alles wichtig. Aber nichts davon ersetzt technologische Souveränität.
Zwei von drei europäischen Ländern mit dem höchsten Lebensstandard – Norwegen und die Schweiz (neben Island) – sind nicht in der EU. Woran liegt das wohl? Vielleicht, weil sie sich stärker auf Wettbewerbsfähigkeit als auf politische Symbolik konzentrieren? Nur eine Hypothese.
Was mich irritiert, ist nicht, dass andere Regionen technologisch aufholen oder vorbeiziehen. Wettbewerb ist gesund. Was irritiert, ist unsere Fähigkeit, uns dabei moralisch überlegen zu fühlen.
Innovation entsteht nicht aus Sonntagsreden, sondern aus Risikokapital, Talentanziehung und Skalierungswillen. Und aus der Einsicht, dass Wohlstand zuerst erwirtschaftet werden muss, bevor man ihn umverteilen kann.
Versteht mich nicht falsch: Europa hat alle Voraussetzungen, technologisch wieder aufzuschließen. Aber dafür braucht es Mut zur Priorisierung, zur Entbürokratisierung und zur Skalierung. Und zu einem Neuanfang auf vielen Ebenen, insbesondere beim Personal!
Wohlstand ist kein Naturgesetz. Er ist das Ergebnis harter, manchmal unbequemer Entscheidungen.
Aber gut – möglicherweise bin ich zu datengetrieben. Man soll die Realität ja nicht überbewerten.